"Sein" - November 2010

Nahtoderfahrungen und ihr spirituelles Transformationspotenzial

Haben Nahtoderfahrungen etwas mit Erwachen zu tun? Sind sie nur ein einmaliges, abgetrenntes Erlebnis oder Tor zu einer lebensverändernden Wende? Christine Brekenfeld erzählt von ihrem eigenen Nahtoderlebnis und wie es sie auf eine neue Lebensspur gebracht hat.

„Ein Gefühl von übermächtiger Todesangst überkommt mich, als die massiven Blutungen plötzlich und ohne Vorwarnung beginnen. Womöglich sterbe ich jetzt, in diesem Augenblick. Nicht irgendwann, sondern jetzt, und ich weiß nicht, was kommt. Der Körper verspannt sich mit Zittern und Zähneklappern, Atmen und Sprechen ist nicht mehr möglich. Da ist ein inneres und äußeres Dagegenstemmen, ein Dagegenhalten. ICH WILL das jetzt nicht, auf keinen Fall.

Hilfe kann nicht so schnell kommen, wie es nötig wäre. Und mir wird bewusst, dass es jetzt, in diesem Augenblick, nichts mehr Menschenmögliches gibt, das mir helfen wird. Die Situation scheint aussichtslos. Der sich eine ganze Zeit lang dagegen aufbäumende Geist und Körper kann irgendwann nicht mehr und scheint aufzugeben und sich zu entspannen. Und ganz plötzlich ist da dieser Moment der inneren Ruhe. Das Dagegen-Ankämpfen hört auf, und ich ergebe mich. Ich ergebe mich dem Leben, dem Tod, egal, was da kommt, ich lasse es geschehen. Ich lasse los.

Ein unheimlich befreiendes Gefühl, verbunden mit einem Fallen in die Tiefe, in einen Strudel. Da ist der Körper, ich bin bei ihm, aber nicht in ihm. Aber ich BIN und sinke immer tiefer mit einem gleichzeitigen Schweben in der Unendlichkeit. Da ist kein Raum, keine Zeit, unbeschreibliche Dimensionen, unendlich schnelle Bewegung und doch Stillstand. Alles scheint gleichzeitig zu geschehen. Ein leuchtender, unendlicher Strudel oder Raum, ein tiefes Gefühl von Frieden, Glück und Liebe. Vor allem bedingungslose Liebe. Ich bin eins damit und werde davon getragen.

Das Zurückkommen fühlt sich eng und kalt an. Die innere Erfahrung von Frieden und Liebe bleibt in der ersten Zeit sehr präsent. Meine Wahrnehmung der Wirklichkeit hat sich verändert, alles fühlt sich lebendiger an. Eine für mich gänzlich neue und nicht einzuordnende Erfahrung. Bis dahin hatte ich mich mit spirituellen oder mystischen Themen nicht befasst. Die Mitmenschen verstehen nicht, wovon ich spreche. Mit meiner Therapeutin stoße ich schnell an Grenzen, auch dort scheint keine Unterstützung möglich. Ich beobachte, wie sich meine Wahrnehmung nach und nach verändern will, es ist, als ob sich etwas über dieses neue Erleben der Wirklichkeit schieben möchte. Und ich kann dagegen nichts tun.“

Spirituelle Transformation durch Annehmen des Todes

Erst durch die Arbeit mit einem spirituellen Lehrer gewinnt die Erfahrung eine neue Qualität und vertieft sich rasch. Da sind wieder der tiefe Frieden, die Glückseligkeit und die bedingungslose Liebe. Das Schweben in der Stille und in der Unendlichkeit. Mein Handeln folgt den Impulsen, die aus der Tiefe kommen, und ich verbeuge mich in Demut.

Seit meiner Nahtoderfahrung (NTE) beschäftigt mich deshalb die Frage, inwieweit durch intensive spirituelle Arbeit eine solche Erfahrung eine dauerhafte und tiefgreifende Veränderung des Bewusstseins und der Persönlichkeit ermöglicht. Denn ich habe erst durch die spirituelle Begleitung eine wirkliche spirituelle Transformation erfahren. Und ich bin sicher, dass diese Frage nicht nur für Menschen mit einer NTE spannend ist, sondern für jeden, „der einmal sterben wird“.

Menschen berichten schon seit Jahrtausenden von Nahtoderfahrungen. NTE sind weltweit verbreitet und treten in den letzten Jahren viel häufiger auf als angenommen, was natürlich auch mit den extrem verbesserten Möglichkeiten der Wiederbelebung zu tun hat. Verschiedenen Studien zufolge gibt es in Deutschland zirka 3,5 Millionen Menschen, die eine solche Erfahrung gemacht haben sollen.

Da die Menschen mit ihren Erfahrungsberichten oft auf Verständnislosigkeit stoßen, dringt nur ein kleiner Teil davon an die Öffentlichkeit. Denn nach wie vor ist das Thema „Tod und Sterben“ in der Gesellschaft wenig akzeptiert und es fehlt an Bereitschaft, sich mit der möglichen Bedeutung einer Nahtoderfahrung auseinanderzusetzten. Daher können diese Menschen das positive Entwicklungspotential, das in einer solchen Erfahrung liegt, gar nicht oder nicht in vollem Umfang nutzen – bedauerlicherweise.

Kontakt zu einem tieferen Sinn

Forschungen wie die von Elisabeth Kübler Ross und Raymond Moody in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts führten zu einer ersten Enttabuisierung des Themas „Tod und Sterben“. Seitdem wurden zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten über die verschiedenen Aspekte von Nahtoderfahrungen veröffentlicht.

Hauptschwerpunkt der Forschung ist bis heute die Verifizierung der Wahrnehmungen der Menschen während einer Nahtoderfahrung, aber auch die Frage, wie „das Leben nach dem Tod“ ist. Die Kernelemente einer NTE, wie zum Beispiel „der Tunnel oder der Lebensrückblick“ werden in der Literatur ausführlich beschrieben und in einen typischen Ablauf gebracht. Dieser typische Ablauf ist zur Erforschung ein guter Anhaltspunkt, aber keine allgemeingültige Regel. Nicht alle Menschen erleben alle Schritte und bei vielen ist der Ablauf anders.

Gegenwärtig werden aber – und da wird es vor allem für die Betroffenen spannend – auch die Persönlichkeitsveränderungen von Menschen nach einer NTE erforscht. Dazu gibt es sehr seriöse Forschungen (vgl. z.B. Pim van Lommel, Bernard Jakoby). In dieser Forschungsliteratur findet man zahlreiche Beispiele von Menschen, deren Leben sich nach einer NTE zum Positiven verändert hat. Es zeigt sich zum Beispiel, dass sich die Angst vor dem Tod auflöst und das Leben einen tieferen Sinn, eine andere Qualität bekommt. Es gibt Schilderungen von dem Gefühl, mit allem Wissen und mit Gott verbunden zu sein, von einem Moment der Einheit mit allem Wissen, der als ewiges Jetzt des Augenblicks erlebt wird. Allerdings beschreiben die Menschen auch, dass diese Erfahrung bei der Rückkehr in den Körper nach und nach wieder verloren geht und nur die Erinnerung daran sehr präsent bleibt.

Aus Angst wird Frieden

Deshalb wird in der aktuellen Literatur die NTE auch immer wieder mit Meditationserfahrungen, schamanischen Reisen oder Kundalini-Erweckungen verglichen. Das „Netzwerk Nahtoderfahrung e.V.“ hat sich in dem Tagungsband „Nahtod und Transzendenz“ dem Thema aus verschiedenen Blickwinkeln angenähert und die Nahtoderfahrung als transzendente Erfahrung untersucht. Der Forscher Pin van Lommel vermutet, dass eine NTE in ihrer Folgewirkung einen bleibenden Charakter hat und dass sie der Auftakt für eine lebenslange spirituelle Suche sein kann.

Kenneth Ring war einer der Ersten, der in den 80er Jahren eine Ähnlichkeit der Erfahrungen zwischen dem vermutet hat, was „spirituelles Erwachen“ (er sprach von der „Kundalini-Erweckung“) genannt wird, und einer Nahtoderfahrung. Aufgrund der Tatsache, dass ihm eigene mystische oder spirituelle Erfahrungen fehlten, blieben seine Thesen hypothetisch. Ein wichtiger Aspekt in seinen Ausführungen scheint mir aber seine Feststellung, dass es bei der Nah-Todesforschung nicht um den Weg zum Tod gehen kann, sondern es interessiert der Augenblick des (anscheinend) unmittelbar bevorstehenden Todes. In diesem Augenblick vermutet er eine Umwandlung von Angst und Schmerz in inneren Frieden.

Genau dieser Fragestellung widmet sich das Berliner Institut für tiefenpsychologische und existentielle Psychotherapie – Karen Horney-Institut (BITEP) im Forschungsbereich „Nahtoderfahrungen (NTE) und ihr spirituelles Transformationspotential“. Der spirituelle Lehrer Christian Meyer und ich beschäftigen uns insbesondere mit den folgenden Fragen:

  • Können die Auswirkungen und das Erleben einer Nahtoderfahrung durch intensive spirituelle Arbeit zu einer dauerhaften und tiefgreifenden Entwicklung der Persönlichkeit führen?
  • Und kann es sich deshalb für jeden und jede mit einer Nahtoderfahrung lohnen, durch spirituelle Unterstützung eine Integration und Persönlichkeitsentwicklung anzustreben?

Wie gehe ich mit dem Tod um?
Der derzeitige Forschungsstand beschreibt die Auswirkungen der NTE auf das weiterführende Leben der betroffenen Personen bis hin zu der transformierenden Wirkung von NTEs. Eine wichtige Frage wird dabei bisher außer Acht gelassen, die für die positive Persönlichkeits-Veränderung möglicherweise ausschlaggebend ist: Welche Haltung hatte der Betroffene während dieser Erfahrung zu seinem Sterben und seinem Tod?

  1. Leugnet der Betroffene das Sterben, dissoziiert sich und ist wie betäubt?
  2. Kämpft der Betroffene gegen das Sterben an, will es nicht, und zwar noch zum Zeitpunkt, an dem der Tod selbst schon sicher und gewiss scheint?
  3. Fügt der Betroffene sich notgedrungen in sein Schicksal nimmt es hin, aber ganz und gar unwillig und widerwillig?
  4. Stimmt der Betroffene dem Tod zu, als dem Schicksal, das ihm im Augenblick zugemutet wird oder ihm aufgegeben wird, gewissermaßen als eine bewusste Annahme dessen, was ist?

Sowohl aus theoretischen Erwägungen als auch aus bisherigen Erfahrungen ergibt sich die Hypothese, dass bei den Menschen, die zum Zeitpunkt der Nahtoderfahrung nicht gegen den Tod ankämpfen, sondern das Sterben annehmen (die 4. Gruppe in obiger Differenzierung) die NTE die größte spirituell-transformative Wirkung hat.
Und es gibt ebenfalls auch aus der NTE-Forschung und eigenen empirischen Forschungen Hinweise darauf, dass es womöglich gar nicht einer konkreten lebensbedrohlichen Situation bedarf, sondern dass die alleinige subjektive Erwartung, sterben zu müssen, und die bereitwillige Zustimmung zu diesem nun erwarteten Tod zu dem gleichen Ergebnis führen können.

Zulassen und loslassen

Alle spirituellen Wege enthalten die Aufforderung, das anzunehmen, was ist. Dazu gehört auch die existentielle Angst vor dem Tod. Ihr zu begegnen, diesen inneren Tod zu sterben, ist nötig, um zur eigenen wahren Natur zu finden. Deshalb sprechen die Mystiker davon „zu sterben, bevor du stirbst“ und vom „mystischen Tod“. Möglicherweise hat deshalb eine NTE tatsächlich strukturelle Ähnlichkeiten mit der spirituellen Transformation, die aus der Mystik bekannt ist und die „Aufwachen“, „Erwachen“ oder auch „Erleuchtung“ genannt wird.

Christian Meyer beschreibt aus seiner eigenen Erfahrung und der Arbeit mit vielen Schülerinnen und Schülern folgenden inneren Prozess des Aufwachens: „Wenn alle oberflächlichen und tieferen Gefühle gefühlt wurden, beginnt der Körper sich zu entspannen und loszulassen. Wenn die Aufmerksamkeit dann nach innen gerichtet bleibt, beginnt ein inneres Fallen, ein Fallen in einen leeren Raum, in einen Abgrund. Jeder kennt diesen Abgrund, aber normalerweise hat der Mensch Angst vor ihm. Dieses Fallen in die Tiefe – nicht als Bild, sondern als unmittelbare Erfahrung – wird langsam zu einem Fallen durch eine Enge, wie durch ein Rohr oder durch einen Tunnel. Dabei nimmt der Körper den Atem ganz zurück, hier taucht oft die Angst auf zu ersticken. Dies nicht beachtend, geschieht das Fallen tiefer und tiefer und der Raum weitet sich ins Unendliche, das Fallen wird zu einem Schweben und Fliegen und dann zur Erkenntnis, dass du selber diese Unendlichkeit bist. Dann steht der Verstand still und es breitet sich ein nie dagewesener Frieden und Glück aus. Du weißt sofort, auch wenn es völlig neu ist, das ist die Wirklichkeit, alles bisher war ein Traum“.

Diese Erfahrung wird heute meistens Aufwachen genannt, weil Erleuchtung missverständlich ist. Es klingt so, als wenn eine Person erleuchtet wird, das heißt, dass etwas zu ihr hinzugefügt wird. Aufwachen bedeutet aber zu erkennen, was in Wirklichkeit schon immer da war. Es gibt niemanden mehr, der etwas tut. Die Erkenntnis, dass da kein Ich ist. Es fällt also etwas ab, anstatt dass etwas hinzugefügt wird. Es ist eine neue Daseinsweise und Wahrnehmungsweise – man handelt von einer anderen Ebene aus. Es gibt kein „ich brauche, ich sollte, ich tue usw.“ mehr, sondern ein „es geschieht“. Der Prozess kann sich immer mehr und in alle Lebensbereiche ausweiten und sich vertiefen.

Viele haben Angst, dass ohne die Ichhaftigkeit der Alltag und das normale Handeln nicht mehr funktionieren würden, aber das Gegenteil ist der Fall: Wenn die Handlungen und das „was zu tun ist“ nicht mehr ständig von Befürchtungen und Ängsten, von der ewigen Gedanken-Plapperei begleitet werden, dann können die Handlungen viel leichter, effektiver und liebevoller geschehen. Das Geschenk einer Nahtoderfahrung kann diesen Raum öffnen.


Abb: © Vincent Petaccio II - Fotolia.com